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Lesung mit Karl-Heinz Dellwo
Aufbruch einer Generation, RAF und die Kritik der Waffen
“Terroristen” stand auf dem Fahndungsplakat. Das war die RAF in den siebziger Jahren für die damals
herrschenden Eliten – und auch für den mainstream der Gesellschaft. Selbst heute wird in linken Kreisen gefragt: “Glaubtet ihr damals wirklich, ihr könntet mit
einer Handvoll Leute die Revolution machen? So geschehen auf einer Diskussionsveranstaltung mit Karl-Heinz Dellwo, Mitglied des RAF-Kommandos Holger Meins, das 1975 die deutsche Botschaft in
Schweden besetzte.
Doch die Niederlage illegitimiert nicht den Aufbruch. Was heute als irrsinniger Versuch scheint, von Beginn
an aussichtslos, nahm sich damals anders aus. Wenige Jahre waren vergangen, als ebenfalls eine Handvoll Leute um Che und Fidel gezeigt hatten, dass die Revolution zu machen war. Überall auf der
Welt griff damals die Jugend zur Waffe, so Dellwo. Ob in den Befreiungsbewegungen der dritten Welt, bei den Black Panther in den USA oder hier. Aus den einzelnen Feuern sollte ein
Flächenbrand des Aufbruchs entstehen. Der Versuch, urteilt Dellwo heute, war unter den damaligen gesellschaftlichen Verhältnissen plausibel. Bei allem, was man kritisieren muss. Und man muss viel kritisieren.
Dellwo, Jahrgang 1952, Kindheit in der Eifel, Jugend in Baden: Das war eine dumpfe, stumpfe Zeit. Gemeinsam hatte eine ganze Generation erfahren: das Leben ist
woanders. Wir hatten ein unbestimmtes Bedürfnis nach Radikalität, das sich noch nicht politisch niederschlug. Noch nicht. Erst später kam das Engagement in der SDAJ, dann bei den Jungsozialisten. Doch die waren uns alle zu harmlos. Engagement in der
Hausbesetzerszene schloss sich an und damit die ersten Erfahrungen mit staatlicher Brutalität. „Die schossen scharf, obwohl wir keine Waffen hatten.“ Die Anklage als
„Rädelsführer“ brachte ihm ein Jahr Gefängnis und Isolationshaft.
1974 treten die Gefangenen der RAF in Hungerstreik. Den Staat interessierte das nicht.
Er ließ Holger Meins, abgemagert auf 39 Kilogramm, verhungern. Für die revolutionäre Linke war das die Erfahrung, „dass die Macht über uns hinwegwalzt.“ „Wir haben
damals noch versucht, ein paar Scheiben einzuschmeißen, aber das stimmte alles nicht mehr. Das war, als würde man im Krieg mit Knüppeln auf Panzer hauen.“ Bei diesem „Wendepunkt“, so Dellwo, wurde deutlich, „dass etwas anderes kommen muss als
Flugblattverteilen.“ Nämlich die Entscheidung, die Gefangenen mit Gewalt „rauszuholen“.
Am 24. April 1975 besetzte das RAF-Kommando „Holger Meins“ die deutsche Botschaft in Stockholm. „Diese Aktion ist heftigst gescheitert.“ Die Regierung hielt die Staatsräson
hoch und verweigerte jegliche Kommunikation, zwei Mitarbeiter der Botschaft wurden erschossen – „das macht uns schuldig“. Zwei der Besetzer kamen ums Leben, die
Überlebenden erhielten langjährige Haftstrafen. Dellwo wurde 1995 aus dem Gefängnis entlassen und arbeitet heute als Dokumentarfilmer.
Obschon es damals ein Klima gab, in dem „wir dachten, die Revolution könnte möglich
sein, sind wir mit dem, was wir gemacht haben, gescheitert.“ Keine Gegengesellschaft könne so aufgebaut werden. Auch wenn Dellwo rückblickend feststellt: „Wir waren die Schwächeren“, ist er nicht resigniert: „Mit dem Leben wird die Revolte bleiben.“
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